Mein erstes Mal:Mein erstes Mal mit Dirk Schwarz

Vor den Karnevalstagen war der Sportplatz der Dr. Kind Arena gesperrt, weshalb sich unter anderem unsere Erste eine alternative Trainingsform suchen musste. Ihr Trainer Thorsten Prangenberg fand die Alternative in Dirk Schwarz, Kick- und Thaiboxlehrer und ehemaliger Deutscher Meister aus Nümbrecht. Was unsere Männer dort erlebten, hat Benjamin Gries protokolliert.

Wir schreiben Dienstag, den 6. Februar – das Thermometer zeigt winterliche -2 Grad Celsius an. Ich stehe am Kölner Hauptbahnhof und warte auf meine Bahn. Natürlich hat diese wieder einmal Verspätung, mittlerweile sind es fünf Minuten. Genervt schaue ich auf die Anzeigentafel. „Wann kommt sie denn endlich?“, werde ich zunehmend ungeduldiger. Ich warte weiter.

Kurze Zeit später wird die Bahn dann endlich gekommen sein. Nach einer viertelstündigen Fahrt war ich schließlich in mein Auto gestiegen und bei Schnee und Eisglätte über die Autobahn A4 gehetzt, um es widererwarten doch noch rechtzeitig zum Treffen meiner Mannschaft nach Bielstein zu schaffen. Wie dumm das eigentlich war, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Wir treffen uns etwas früher als sonst, denn heute ist kein normaler Tag – oder zumindest kein normaler Trainingstag. Aufgrund der kühlen Temperaturen und der dicken Schneedecke, die unseren Kunstrasen umhüllt, können wir (mal wieder) nicht auf dem Platz trainieren. Stattdessen hatte uns unser Trainer am Sonntag zuvor mitgeteilt, dass wir an jenem Dienstag zur Sportschule Schwarz fahren und dort trainieren werden.

Was uns beim ehemaligen Deutschen Meister im Kickboxen erwarten würde, hatte zu diesem Zeitpunkt niemand genau gewusst.

Was uns beim ehemaligen Deutschen Meister im Kickboxen erwarten würde, hatte zu diesem Zeitpunkt niemand genau gewusst. Nur ein paar helle Köpfe hatten etwas geahnt und entschuldigten sich mit den Aussagen „Trainer, ich kann am Dienstag nicht, ich hab' da … äh … Bruder“ oder „Trainer, da muss ich leider lernen“. Dagegen war meine Schönrederei fast schon etwas naiv. „Das wird schon gut werden, du hast so etwas ja schon öfter gemacht“, hatte ich mir eben in meiner Mittagspause noch großen Mut zugesprochen.

Wer an diesem Dienstag zum Training kam, gehörte insgesamt wohl eher nicht zu den hellsten, auf jeden Fall aber nicht zu den vorausschauensten Köpfen in der Mannschaft. Letztlich sollten es zehn weitere Jungs sein, die sich am Vereinshaus zusammenfanden, um von dort gemeinsam zur Sportschule Schwarz nach Nümbrecht zu fahren. „Puh“, denke ich, „elf Männer, keine Auswechselspieler – das kann ja heiter werden“. Insgeheim hatte ich bis dato noch darauf gehofft, dass kleinere Momente der Schwäche in der Masse der Gruppe untergehen würden. Das kann ich mir nun abschminken.

Dabei war die Hoffnung zum ersten Mal bereits nach wenigen Minuten verflogen. Erstaunlich schnell hatte sich Dirk nach der Begrüßung nämlich unsere Namen merken und uns beim Plausch persönlich ansprechen können. „Keine guten Voraussetzungen für ein Versteckspiel“, male ich mir nicht gerade einen erholsamen Abend aus.

Wie sich im weiteren Verlauf herausstellen wird, vollkommen zurecht. Dirk braucht nämlich überhaupt nicht lange, um mit der Gruppe warm zu werden. Diese braucht wiederum nicht lange, um selbst warm zu werden. Mit Ausnahme der ersten beiden Übungen – zum Anfang warten lockeres Boxertippeln und entspanntes Skipping – fordert Dirk nämlich von Beginn an ein extrem hohes Tempo von uns. Hatte ich mich nach den ersten beiden Übungen noch in meiner anfänglichen These, dass „alles schon nicht so schlimm“ werden würde, bestätigt gefühlt, warf ich meine Hoffnungen nun – nach der dritten Übung, einer Abfolge aus Liegestütz mit anschließendem Sprung – endgültig über Bord.

Was folgte, war purer Überlebenskampf.

Was folgte, war purer Überlebenskampf: Nach der vierten Übung, einer verschärften Form der Frauenliegestütz, bei der man sich mit seinem kompletten Gewicht in Richtung des Bodens fallen lässt, sieht man den ersten Jungs ihren Schmerz an. Nach der fünften Übung, dem Verharren auf Zehenspitzen in der Kackstuhlposition, hört man von den ersten Jungs ein leises Winseln.

Ich beginne in diesem Moment zu fluchen – auf Dirk, der eben gerade wieder mit seinem genüsslichen Grinsen an meinen Nachbarn und mir vorbeigelaufen ist und den unsere gequälten Gesichter eher noch motivieren als dass sie ihn bremsen würden; auf Thorsten, der uns das ganze Training erst eingebrockt hat und der uns nun mit der Kamera seines Smartphones filmt; und zu guter Letzt auf mich, der schlichtweg zu dumm war, die Zeichen richtig zu deuten, und der nun vollkommen erschöpft auf der Matratze eines kleinen Boxstudios in Nümbrecht statt auf der Couch in seiner Wohnung liegt. „Nächstes Mal bist du cleverer“, murmele ich mir in diesem Moment zu – wohlwissend, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viel cleverer agieren würde.

Während ich so vor mich hin grübele, höre ich, wie Dirk schon wieder mit uns spricht. Der ehemalige Kickboxer hatte uns schon den ganzen Abend sehr wenig Zeit zum Durchschnaufen gelassen. Das ist für einen Fußballer, der von seinem Juniorentrainer immer wieder den Satz eingebläut bekommen hat, dass er sich hinten ausruhen darf, eine Qual. Während ich mich noch umschaue und verzweifelt nach dem „hinten“ in diesem Raum suche, erklärt Dirk bereits die nächste Übung.

Und diese Übung hat es in sich: Wie der Trainer uns erläutert, hat er sich die schönste Trainingsform bis kurz vor dem Ende aufgehoben – das etwa vierminütige Ausharren in der Liegestütz mit wechselnden Positionen. So, wie uns Dirk in dem Moment angrinst, könnte man meinen, dass er dafür auch noch ein Dankeschön hören möchte. Wir allerdings sind viel zu erschöpft für derartige Nettigkeiten und bringen nur ein gequältes, dafür aber zumindest synchrones „Ächz“ heraus.

Erneut muss ich an ein Erlebnis aus meiner Kindheit denken. Nach einer 1:17 Niederlage gegen Nümbrecht im Alter von zehn Jahren war ich an meinem Vater vorbei vom Platz gestampft und hatte den Satz ausgesprochen, der mich noch heute manchmal verfolgt: „Ich hasse Nümbrecht“. Waren der Hass auf Nümbrecht und mein Trauma bis dato eigentlich vollständig verflogen, keimt der Unmut zu dieser Stadt just in diesem Moment wieder auf.

Am Ende bringen wir aber auch die Liegestütz-Übung mit mehr oder weniger großem Erfolg hinter uns. Die Belohnung folgt prompt: Wir dürfen Position für eine weitere, letzte Übung beziehen. Die Begeisterung steht uns in die Gesichter geschrieben.

Tatsächlich folgt dann aber so etwas wie die schönste Übung an diesem Abend, wobei nicht ganz klar ist, ob sie so schön ist, weil wir rangeln dürfen, oder einfach nur deshalb, weil es eben die letzte Übung ist. Dass wir nach nur einer halben Runde Rangeln erschöpft zu Boden sinken, spricht eher für Letzteres.

Danach ist es dann aber wirklich geschafft. Vermutlich sehen wir inzwischen so dehydriert aus, dass selbst Dirk mit uns Mitleid bekommt. Der Trainer erklärt das Training für beendet und lässt es sich nicht nehmen, in einem Halbsatz zu erwähnen, dass wir übermorgen (Weiberfastnacht, Anm. d. Red.) so starken Muskelkater haben werden, dass das mit dem Heben des Arms beim Trinken schwierig werden könnte.

„Diesen Mann muss man einfach lieben“, denke ich, als wir uns nach einem kurzen Gespräch mit ihm verabschieden. Unser zweiter Weg führt uns nun über die Dusche ins Vereinshaus. Schließlich müssen wir den Umstand ausnutzen, dass der Muskelkater erst morgen kommt.

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